Mein schwerer Hund

Umgang mit aggressivem Hund: Warum ich als Sozialarbeiterin fast aufgab

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Der Karabinerhaken an der Flurwand hat eine blank gescheuerte Stelle, dort, wo die Leine seit dem Beissvorfall jeden Morgen durchrutscht, kurz bevor der Maulkorb kommt.

Bevor es weitergeht: Diese Notizen waren nie für eine Leserschaft gedacht. Leonie, eine Freundin aus dem Studium, hat als Erste gefragt, ob ich sie nicht einfach online stellen will – weil kaum jemand so offen über einen Hund schreibt, der schon einmal zugebissen hat. Also stehen sie jetzt hier, mit allem, was dazugehört: Ich arbeite parallel mit einer Verhaltenstherapeutin hier in Köln, probiere daneben Online-Kurse aus, und wenn du über einen der Links in diesem Text etwas kaufst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich bin Sozialarbeiterin, keine Hundetrainerin – ein Kurs ersetzt bei einem Hund mit Beissvorfall in der Vorgeschichte niemals die Begleitung vor Ort.

Die Ironie, mit der ich jeden Tag zur Arbeit gehe

Tagsüber sitze ich mit traumatisierten Jugendlichen im Gruppenraum, deeskaliere Situationen, in denen die Luft schon nach dem ersten Satz brennt, und erkläre Eltern, dass hinter der Aggression ihres Kindes fast immer nackte Angst steckt. Abends greife ich nach der Leine unseres Tierschutzhunds und spüre das kühle Metall des Maulkorbs in der Hand, und dieser kurze Schwall Übelkeit ist immer noch da.

Fest steht für mich mittlerweile: Knurren ist eine Grenze, keine Provokation – und ausgerechnet daran bin ich am längsten hängengeblieben.

Damals, ein Besucher, eine falsche Bewegung – mein Hund hatte ihn zwanzig Sekunden lang nur mit den Augen fixiert, und ich habe diese Ewigkeit komplett falsch gedeutet. Dann kam der Biss. Bluterguss, Notaufnahme, Anzeige, danach die behördliche Auflage: Maulkorb, sobald wir die Wohnung verlassen.

Noch bevor wir über Training sprachen, hat die Therapeutin nach möglichen körperlichen Ursachen gefragt, etwa einer Schilddrüsenunterfunktion, die bei manchen Hunden hinter plötzlicher Reizbarkeit steckt – erst danach ergab ein Verhaltensplan überhaupt Sinn.

Konsequent ignorieren hat bei uns nichts gebracht

Am Anfang riet mir eine Bekannte, das Knurren konsequent zu ignorieren – irgendwann würde er von selbst damit aufhören, hieß es. Wochenlang habe ich weggeschaut, wenn er die Lefzen hochzog, bin einfach weitergegangen, habe nichts kommentiert. Es wurde nicht besser. Es wurde lauter, und einmal hat er nach meiner Hand geschnappt, ohne dass vorher irgendetwas Sichtbares passiert war.

Die Therapeutin nennt das inzwischen Stress-Stapelung – viele kleine Belastungen, die sich addieren, bis eine einzige harmlose Kleinigkeit den Deckel abhebt, und Ignorieren nimmt keine einzige davon weg, es verschiebt nur den Moment, an dem der Deckel abfliegt.

Was mir aus der Arbeit mit Jugendlichen vertraut vorkommt: Auch bei ihnen bringt reines Aussitzen einer Reaktion nichts, wenn die Reaktion aus einem alten Schutzmechanismus kommt, und wer traumatisierte Hunde verstehen lernen will, stößt auf genau dieselbe Mechanik: Der Hund arbeitet nicht gegen mich, er sichert sich ab.

Beziehungsarbeit ersetzt keine Therapeutin

Neben der Therapie habe ich einen Online-Kurs zu Körpersprache und Verhalten durchgearbeitet, weil ich Vorwarnzeichen früher erkennen wollte, nicht erst, wenn die Rute schon steif nach oben steht. Der Fokus dort liegt stark auf Beschwichtigungssignalen, und genau das hatte mir gefehlt: Ich hatte die kleinen Signale übersehen, weil ich auf das große, offensichtliche Zeichen gewartet habe.

Beschwichtigungssignale beim Hund zu lesen fühlt sich für mich inzwischen an wie die Körpersprache von traumatisierten Jugendlichen zu lesen – in beiden Fällen zählt das erste kleine Ausweichen mehr als die laute Reaktion danach.

Erkennen ist aber nicht dasselbe wie Handeln, und genau da hat mich der Kurs alleingelassen – er zeigt die Anzeichen, aber nicht, was ich in dem Moment tatsächlich mit meinen Händen und meiner Stimme tue, wenn die Anspannung schon im Raum steht. Das ist keine Kritik, eher eine Grenze, die man kennen sollte, bevor man sich bei einem Hund mit Beissvorfall in der Vorgeschichte allein auf einen Kurs verlässt.

Tilda, eine Frau aus einem geschlossenen Forum für Halter schwieriger Hunde, hat mir geschrieben, nachdem sie meinen ersten Text gelesen hatte – ihr Hund hat auch gebissen, andere Geschichte, ähnliche Erschöpfung. Sie fragt immer erst nach dem Kontext, bevor sie irgendeinen Rat gibt, das habe ich bei kaum jemandem sonst in dieser Form erlebt.

Maulkorbtraining selbst ist noch mal ein eigenes Kapitel, das hier keinen Platz hat – nur so viel: Zwang macht es bei uns immer schlimmer, Geduld und viele kleine Wiederholungen machen es möglich. Wenn er sein Körbchen im Flur verteidigt, nennt die Therapeutin das Ressourcenverteidigung, ein Thema, das eine eigene Sitzung für sich beansprucht. Und Impulskontrolle, das dritte große Wort in diesem Zusammenhang, bedeutet für uns beide nicht, den ersten Impuls zu unterdrücken, sondern eine einzige Sekunde Zeit vor ihm zu gewinnen.

Was in der siebten Woche im Volksgarten anders war

In der siebten Woche kam uns im Volksgarten eine Frau mit Kinderwagen entgegen, aus einer Seitenallee, ohne Vorwarnung. Ich sah, wie sein Tempo runterging, wie sein Blick kurz an ihr hängen blieb – und wie er dann einfach weiterlief, als wäre nichts gewesen. Kein Anspannen der Schulter, kein Ziehen an der Leine, nichts.

Kurz zuvor, an einem anderen Nachmittag im selben Park, hatte ich mich noch an eine Lektion über die Individualdistanz beim Hund erinnert und ihm bewusst mehr Raum gelassen, ohne ihn anzustarren, ohne die übliche Anspannung in mir. Vielleicht hängt beides zusammen.

Was uns inzwischen beiden hilft, hat weniger mit Kommandos zu tun als gedacht: Hund sicher führen im Alltag bedeutet für mich vor allem, Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen, in denen er sich verteidigen muss – Management vor Training, wie die Therapeutin es nennt.

Ein mühsamer, aber echter Frieden

Er schläft noch immer meistens im Flur, auf dem alten Parkett direkt neben der Tür, und Besuch kündige ich inzwischen so an, dass er vorher sicher in einem anderen Zimmer ist. Am Küchentisch, der bei uns gleichzeitig Schreibtisch ist, steht im Regal daneben ein Ordner mit sämtlichen Notizen aus der Therapie – Datum, Auslöser, Reaktion, nichts wird mehr dem Gedächtnis überlassen.

Im hinteren Zimmer, zum Innenhof raus, kommt kaum Straßenlärm an – dahin ziehen wir uns beide zurück, wenn draußen zu viel los war.

Der Satz aus der Therapie, der mir am meisten geblieben ist: Meine eigene Anspannung ist für ihn oft die deutlichste Bestätigung, dass gerade Gefahr im Raum ist. Wenn du selbst einen Hund mit Beissvorfall in der Vorgeschichte hast und dich fragst, ob es jemals leichter wird: Bei uns schon, aber langsamer und anders, als ich erwartet hatte. Kein Kommando hat das geschafft. Ruhig bleiben, wenn gerade nichts passiert, offenbar schon.

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